Buchbesprechungen

Annas Mitgift von Maria Kandolf-Kühne

Als Kind erlebt Anna, wie ihre Mutter mit 34 Jahren im Kindbett stirbt. Der Vater heiratet eine Neue und Anna hat nun eine Stiefmutter, die sich ebenso der Tüchtigen und Fleißigen bedient wie alle anderen. Anna wurde nach der 5. Klasse aus der Schule genommen, obwohl sie gerne und leicht lernte, denn man brauchte sie in der elterlichen Wirtschaft. Anna wehrt sich nicht und verlangt auch nichts. Auf S. 35 steht Anna zwischen ihrer Schwester Josefine und dem Bruder Anton. Sie ist schmal und schön und lässt die Schultern hängen.

" Annas Mitgift" heißt der neue Memoir-Roman der Vorarlbergerin Maria Kandolf-Kühne und der Titel ist klug gewählt. Als Anna einen Lehrer und "Wirtshausgeher" heiratet, erhält sie fast nichts, denn ihre Eltern enthalten ihr das vor, was die Geschwister bekommen: eine ordentliche Mitgift. Annas Leben wird detailliert in allen Härten, Enttäuschungen und kleinen Freuden beschrieben, aus ihrer Perspektive und Sprache, aber auch aus der Sicht derjenigen, die sie betrachten, über sie reden und verfügen. Die Autorin stellt sich hinter ihre Protagonistin, schaut ihr über die Schulter und berichtet uns von dieser Frau, die ein Leben lang von Möbeln aus Hartholz träumte und davon, ihren Mann vom Trinken abzubringen.

Ein ganzes Panorama einer Zeit, einer Gesellschaft und einer Kleinstadt tut sich uns auf, die Autorin hat viel recherchiert, wie es denn so war in Feldkirch früher, besonders, was das Leben der Frauen angeht.

Die schönsten Tage für Anna sind die, wenn die Störnäherinnen ins Haus kommen.Die machen sich dann in der hinteren Stube breit, da wo die Anna früher die Hausaufgaben gemacht hat. Anna setzt sich oft still dazu, manchmal hat sie auch die Leni auf dem Schoß und schaut genau, wie die Näherinnen Leintücher ausbessern und Bettwäsche flicken. Sie passt auf, wie Papas  Anzug ausgebessert wird, ausgebürstet mit Essig, gedämpft und wieder ausgebürstet, dass er ausschaut wie neu. Wenn der schwarze Stoff zu fest glänzt, hat sie gelernt, muss man einen Schuss Salmiakgeist in schwarzen Kaffe schütten, den Stoff mit einem Wolllappen abreiben und dann verkehrt herum bügeln.(S.30/31)

So wird uns anschaulich und fast nebenbei das Wissen der Frauen weitergegeben. Viele ähnlich aufschlussreiche Szenen schildert uns Maria Kandolf Kühne, deren Blick als Historikerin auf die Zeitumstände gerichtet ist und die dabei nie den Blick der liebenden und empathischen Enkelin verliert. Sie hat als Kind und auch als Erwachsene gut zugehört, wenn ihre Mutter und ihre Tante vom Leben ihrer Großmutter Anna berichteten. Und Anna hat auch mit ihr geprochen, denn Maria ging in Feldkirch ins Gymnasium und verbrachte viel Zeit bei den Großeltern. So verwebt sie persönliche Erfahrungen mit der Zeitgeschichte und es entsteht ein dicht gewebter Lebensteppich. Zwei farbige Bilder und viele Fotos ergänzen dieses interessante und sehr lesenswerte Memoir.

Almud Magis

almud.magis@chello.at

 

Annas Mitgift

Ein wunderbares Bild der Zeit und der Menschen in der ersten Hälfte des 20ten Jahrhunderts.

Die Figuren sind so lebendig gezeichnet, dass ich meinen könnte zu der Familie zu gehören, Vater, Mutter sein möchte. Ich begleite zuerst Dora ins Wirtshaus zum Sandwirt, bin mit ihr fröhlich unter den Gästen, rieche mit ihr die Küche, koche mit ihr, liebe den Mann, die Kinder, leide und ängstige mich und trauere dann mit den Kindern, Anna und ihren Geschwistern. Zuwendung und Liebe für diese Menschen spüre ich durch alle Geschichten. Es ist warm um diese Menschen herum, aber ich spüre auch das Böse, bin empört über den Pfarrer, der die Frauen dazu anleitet, sich den Männern jederzeit hinzugeben und Schwangerschaften auf jeden Fall als Schicksal hinzunehmen und ich spüre die Kälte der Nazizeit, die Wut auf den Mann Peppo, der sich, obwohl er doch gebildet ist, nichts anderes weiß als sich den Nazis anzuschließen. 

Anna wird trotz ihrer geringen Schulbildung eine kluge, selbstbewusste Frau, die nicht nur ihren Lebensabend selbstbestimmt leben kann.

Das Buch ist spannend, man lässt sich darauf ein wie man sich auf ein Leben voll Freuden und Leiden einlässt. 

Hedwig Seyr-Glatz

Wien

 

Annas Mitgift von Maria Kandolf-Kühne

 

Maria Kandolf-Kühne nimmt das Leben ihrer Großmutter in den Fokus. Die ist ihr keine Unbekannte, ist sie doch ihr erstes und liebstes Enkelkind.

Die Geschichte beginnt mit dem Tod von Annas Mutter, gesehen durch Annas Augen. Sie ist ein stilles Kind, das scheints niemandem abgeht, was ihr die Möglichkeit gibt zu beobachten und wir Leser*innen sehen und begreifen, was sie sieht und was in ihr vorgeht. Dabei geht die Autorin nicht in die Gefühls- und Gedankenwelt des Kindes, sondern bleibt, wie auch bei allen anderen Personen der Geschichte, die auktoriale Erzählerin, selbst da, wo es um ihre eigene Person geht. Sie denkt sich keine Szenen und Dialoge aus, wie sie hätten stattfinden können, sondern beschreibt das Milieu mit all seinen Möglichkeiten, Zumutungen und Beschränkungen detailreich und historisch getreu. Anhand von Situationen richtet sie den Scheinwerfer auf ihre Personen. Das ergibt kurze Sequenzen, mosaikhafte Einblicke in diese noch gar nicht so lang vergangene Vergangenheit, die gegenwärtig auf vielen unterschiedlichen Ebenen historisch und literarisch aufgearbeitet wird. Auch der unaufgeregte, sachlich-realistische Sprachduktus trägt zur Bildhaftigkeit bei und zeigt unerbittlich klar, wie diese Frau gelebt und wie sie das bewältigt hat.

Der allererste Eindruck ist, dass es sich um eine feine aber traurige Geschichte handelt, ein Frauenleben halt! Schon beim Hineinlesen wird klar: ja, es geht um soziale Ungerechtigkeit, um Ausbeutung der Frauen – es gibt noch keine Gleichberechtigung vor dem Gesetz. Annas Mutter stirbt mit 34 Jahren bei ihrer siebten Geburt, jedes Jahr eine und eine Fehlgeburt mitgerechnet. Anna ist ihr drittes Kind, das Mädchen, das man nicht lernen lässt, weil sie im Gasthaus als – natürlich unbezahlte – Arbeitskraft gebraucht wird. Das ist selbstverständlich. Als sie dann den Beppo heiraten will, kriegt sie keine Mitgift, weil der Beppo als „Gasthausgeher“ nicht genehm ist.

Anna schickt sich scheints in alle Ungerechtigkeiten. Es wurmt sie, aber sie ist kein Opfer. Sie nimmt die Zumutungen an und verwandelt sie in Stärken, in ihre „Expertise“, die in der Großfamilie gebraucht wird.

Vielleicht steht der volle Nachttopf ihres Mannes, den sie Tag für Tag frühmorgens einen Stock tiefer zum Abort tragen muss, symbolisch für die Schieflage in ihrer Ehe, weil sie nach einer Zwillingsgeburt keine Kinder mehr kriegen will und schon gar kein Adölfle. Wahrscheinlich ist das doch nur eine Facette des patriarchalischen Alltags der Frauen in einer technisch noch nicht so entwickelten Zeit, die besonders am Selbstwert der Betroffenen nagt.

Alles in allem ein genussvolles Leseerlebnis!

Hedwig Dejaco, Dezember 2023